Das Erdbeben und danach von Herrn N. aus Tokyo

1. Der 11. März

Den sonnigen Freitagnachmittag habe ich in deutlicher Erinnerung. Ich spürte den Fußboden unter meinen Füßen schwanken, als ich im Büro im Parlaments- und Regierungsviertel in Chiyoda-ku an meinem Lap-Top-Computer arbeitete. Das Schwanken dauerte, so kam es mir vor, außergewöhnlich lange. Das erdbebensichere Gebäude aus Stahlbeton knirschte zwar nicht, aber das langsame, andauernde Schwanken machte mich unwohl, wie bei der Seekrankheit.

Bei der Arbeit schauten einige Kollegen und ich gerade der Liveübertragung der parlamentarischen Beratung zu, die plötzlich unterbrochen wurde. Jemand hat den Fernsehkanal gewechselt. In diesem Moment stellte ich mir nicht vor, dass es sich um das größte Erdbeben in den letzten Jahrhunderten handelt. Da es zu jener Zeit viel zu erledigen gab, arbeitete ich daran wie üblich weiter. Im Rückblick würde ich sagen, ich hätte mich anders verhalten können. Kurz nach dem Beben konnten wir allerdings das Ausmaß und die Komplexität der Katastrophe nicht erfassen.

Als wir den Nachrichtenbildern zuschauten, ist es uns allmählich klar geworden, dass es sich um eine unerhörte Naturkatastrophe handelt. Auf dem Bildschirm erschien eine unglaubliche Szene nach der anderen; überschwemmte Flüsse, zerstörte Bollwerke und fließende Häuser.  Mit meinen Mitarbeitern sah ich ratlos zu. Von den apokalyptischen Bildern konnte ich kein Auge wenden. Besonders beeindruckend war mir der Brand an der Ölraffinerie in Chiba, der erst ein paar Tage später unter Kontrolle gebracht werden konnte.

Etwa zwei Stunden nach dem Beben kam der Zugverkehr in Tokio zum Erliegen. Es wurde am Arbeitsplatz durchgesagt, dass jeder Mitarbeiter nach Möglichkeit die Arbeit beenden und sich auf den Weg nach Hause begeben soll.

Im Laufe der Zeit strömten Pendler auf den Straßen im Tokioter Stadtzentrum. Die Menschenwelle konnte nur langsam vorangehen und beeinträchtigte dabei den Autoverkehr massiv. Der damalige Regierungssprecher Edano bat auf der Pressekonferenz die Bürger, in Ruhe zu handeln und eine Weile im Büro, wenn es dort sicher ist, zu bleiben.

Erst gegen 9 Uhr verließ ich also das Büro. Ich ging zu Fuß nach Hause. Ich kannte meinen Weg nach Hause gut und wusste, dass es unter den normalen Umständen knapp anderthalb Stunden dauert. Wegen der Menschenmasse konnte ich jedoch nur langsam vorangehen. Auf dem Weg versuchte ich vergeblich, mit meiner Frau Kontakt aufzunehmen. Sie musste in ihrem Büro nahe Ueno oder auf dem Heimweg sein. Das Telefonnetz schien immer noch lahm zu liegen.

Die Leute um mich sahen alle auf den ersten Blick beherrscht, aber einigermaßen besorgt und erschöpft aus. Frauen in hochhackigen Schuhen hatten Schwierigkeiten, lange Strecke zu gehen. An den Restaurants und Lokalen im Tokioter Vergnügungsviertel Roppongi gab es Leute, die das Abendessen genossen (und wahrscheinlich so darauf warteten, dass der Zugverkehr wieder in Betrieb genommen wird).

Ich kam durch die schmale Fußgängerzone im Aoyama-Tunnel und das Zentrum von Shibuya, wo es ohnehin viele Einkaufsbummeler und junge Leute gibt, nach Ikejiriohashi, eine Station von Shibuya entfernt. Am Supermarkt in der Nähe meiner Wohnung machte ich Einkäufe für das verspätete Abendessen, bevor das Regal leer wurde. Es gab keine große Panik. Es war schon viertel nach elf, als ich erschöpft nach Hause gelangte. Es dauerte also gut zwei Stunden. Meine Frau war nirgendwo zu sehen, nur die Handtasche meiner Frau war auf dem Sessel im Wohnzimmer. Sowohl unsere Mietwohnung als auch die Möbel, sowie das Geschirr waren fast unversehrt. Der nagelneue, flache Digitalfernseher war zum Glück nicht umgefallen. Bald kam meine Frau vom Einkauf zurück. Aufgeregt erzählte sie mir, dass sie im Büro sicher gewesen war und gut drei Stunden laufen musste. Wir konnten auf jeden Fall zusammen Luft holen.

An jenem Abend blieben wir bis spät in die Nacht auf, um die Nachrichten zu verfolgen. Mehrere Nachbeben hielten uns sowieso wach.

2. Die Folgezeit

Die Katastrophe zeitigte schwere Folgen, die nicht nur vom Erdbeben von der Stärke 9.0 auf der Richter-Skala und dem haushohen Tsunami sondern auch der Haverie vom Reaktor des AKW Fukushima-Daiichi ausgelöst wurden. Unser Alltagsleben blieb selbstverständlich davon nicht unbeeinflusst.

In der Folgezeit wurden planmäßige (rationsmäßige) Stromunterbrechungen von der Elektorizitätsgesellschaft Tepco durchgeführt. Glücklicherweise (und aus ungewissem Grund) ist in unserer Wohngegend in Meguro-ku der angekündigte Stromausfall kein einziges Mal eingetreten. Wir mussten uns jedoch auf die möglichen Stromausfälle einstellen. Als sich der Sommer näherte, wurden wir zum Energiesparen aufgefordert. Ich habe zum Beispiel zu Hause die Beleuchtung auf ein Minimum reduziert, auf den Fahrstuhl verzichtet (vor allem wenn ich allein war) und so weiter.  Es bereitete mir aber keine große Schwierigkeit, da ich schon früher Energie zu sparen pflegte und die Solidarität mit den Katastrophenopfern mich motivierte. In den öffentlichen Einrichtungen (wie unserer Behörde) wurde noch kräftiger Strom gespart. Als ich ein anderes Ministerium besuchte, ging ich bis zum 10. Stock die Treppe hoch, so dass ich beim Ankommen außer Atem kam. Es war und ist meiner Meinung nach von Bedeutung, sich nicht zu überanstrengen. Sonst hätten der Energiesparversuch und somit die Solidarität nur ein kurzes Leben.

Zudem entstanden Versorgungsengpässe von Gemüse und anderen Lebensmitteln, nachdem sich die vom beschädigten Reaktor freigesetzte Radioaktivität bis zu den benachbarten Präfekturen verbreitete. Es gab im Supermarkt zwar noch Gemüse und Obst aus Fukushima und Ibaraki, dem Gemüseanbaugebiet und der Versorgungsquelle für die Kanto-Region(um Tokio). (Fische und andere Meeresprodukte aud dieser Region waren kaum zu finden, da die Küstenstädte mit ihren Häfen überschwemmt worden waren.) Während das Landwirtschaftsministerium Ernte- und Verkaufverbot für einige Blattgemüsesorten anordnete, waren nicht kontaminierte Agrarprodukte weiter im Handel. Aber die unsichtbare Strahlung und das Durcheinander der Informationslage änderten das Kaufverhalten der japanischen Verbraucher. Manche Hausfranen vermieden Agrarprodukten aus dem betroffenen Gebiet, meist aus Angst vor den möglichen schädlichen Folge für die Gesundheit. Es tat mir Leid, als ich an die Landwirte und deren Bemühungen um die Sicherheit dachte. In dieser Situation startete der Supermarkt in meiner Nachbarschaft die Sonderverkaufsaktion von Agrarprodukten aus dem Gebiet, um die Betroffenen zu unterstützen. Die Aktion fand bei manchen Kunden Resonanz. Ich ging davon aus, dass die im Handel befindlichen landwirtschaftlichen Produkte bereits auf die Sicherheit geprüft worden waren, und verließ mich gelassen auf die Anbauer. Ich folgte also dem weit verbreiteten Kaufverhalten nicht und entschied mich vielmehr verstärkt für das Gemüse aus Fukushima oder Ibaraki.

Auch am Arbeitsplatz erlebte ich einige Änderungen. Erstens musste der Zeitplan unserer Arbeitsführung korrigiert werden und der bevorstehende Kabinettsbeschluß auf unbestimmte Zeit verschoben werden, da in der Regierung der Umgang mit der Katastrophe die höchste Priorität bekam. Zweitens wurden einige Mitarbeiter wie ein Blitz aus heiterem Himmel von unserem Büro versetzt, um das Personal für die Arbeit für Katastrophenopfer zu verstärken, und ihre Arbeitspensa haben wir Zurückbleibende übernommen.

Die größte Änderung war unter anderem, dass ich viel früher nach Hause komenn konnte. Ich war bis dahin stark beansprucht, hatte täglich bis gegen 12 Uhr in der Mitternacht geschuftet, in der direkten Folgezeit nach dem Erdbeben konnte ich hingegen zwei bis drei Stunden früher, einmal sogar gegen sechs Uhr,  das Büro verlassen, um den Energieverbrauch zu senken. In diesem Sinne kam es allerdings innerhalb einigen Tagen zur “Normalität”.

Am Arbeitsplatz sowie auf der Straße wurde für die Katastrophenopfer gespendet. Ich habe einige Male gespendet. Zum Wiederaufbau von Tohoku habe ich aber sonst keinen nennenswerten Beitrag geleistet. Deswegen schäme ich mich noch ein bisschen. Ich habe mich aber prinzipientreu nicht überanstrengt (vielleicht nicht einmal anstrengt). Ich wollte kein erbarmungsloser Mensch werden, zugleich aber nicht heuchlerisch werden.

Als Bierliebhaber habe ich also verstärkt Bier aus Tohoku konsumiert, am Lokal, beim Bierfest und zu Hause. (Ich sammle übrigens Bieretikette aus ganz Japan und aus der Welt, trinke deshalb verschiedene Marken.) In Tohoku-Region gibt es mehrere ausgezeichnete Kleinbrauereien, Tono in Iwate Präfektur ist zudem eines der bekannten Hopfenanbaugebiete in Japan. Erfreulicherweise nahmen viele Lokale Sake aus Tohoku in ihr Getränkeangebot auf oder bauten das Sortiment aus, so dass ich verschiedene Sakes probieren konnte. Das war ein besonderer Genuss für mich.

3. Gegenwart und Zukunft

Ich habe weder Freunde noch Verwandte in Tohoku. Meine Eltern leben wohl in Shizuoka, westlich von Tokio. Mein Leben wurde, abgesehen von der Besoldungskürzung von 8 % für Staatsbeamte, von der Katastrophe kaum schwer betroffen. In diesem Winter wurde keine Einschränkung von Stromverbrauch verhängt, obwohl Fahrstühle rauf und runter fahren und Lichter im Vergnügungsviertel wie immer durch die ganze Nacht funkeln. Von dem zur Kirschblütenzeit im letzten Frühling weit verbreiteten Jishuku, oder dem selbst auferlegten Verzicht, ist heute kaum zu hören. Es besteht immer Gefahr, dass mein Gedächtnis von der Katastrophe im hektischen Alltagsleben nach und nach verblasst.

Aber das Ende des Verstrahlungsproblems und Wiederaufbaus ist noch kaum in Aussicht gestellt. Die Langzeitfolgen der Katastrophe für die betroffenen Regionen und Japan insgesamt sind noch nicht ganz abzuschätzen. Die Herausforderung vor uns ist nach wie vor aktuell. Meine Heimat und Tokio liegen beide in den von den möglichen Megabeben gefährdeten Regionen,

Wie das Editorial der  Yomiuri-Shimbun Zeitung vom 11.3.2012 schrieb, werfen das Großerdbeben und die Nuklearkatastrophe zwei Fragen auf; Sind wir seitdem klüger geworden?  Sind wir seitdem netter und freundlicher geworden?   Zwei Fragen stellen sich immer wieder. Solange es so bleibt, will ich jederzeit darüber nachdenken, was ich tun kann und das umsetzen.

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Eine Antwort zu “Das Erdbeben und danach von Herrn N. aus Tokyo

  1. Man glaubt einem Auge mehr als zwei Ohren.

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